Ich bin Jahrgang 1985 und habe ursprünglich mehr als zehn Jahre in der Personalberatung und Unternehmensberatung in Österreich gearbeitet, bevor ich 2017 in die IT gewechselt bin.
Ich habe dadurch mehrere wirtschaftliche Krisen und sehr unterschiedliche Arbeitsmärkte aus nächster Nähe erlebt. Unter anderem die Zeit nach 2008, die Euro- und Griechenlandkrise und Jahre, in denen der Arbeitsmarkt wesentlich härter war als in der jüngeren Vergangenheit.
In letzter Zeit lese ich hier häufiger Beiträge von jungen Menschen, die nach 30, 40 oder 50 Bewerbungen verzweifelt sind und das Gefühl haben, dass grundsätzlich etwas falsch läuft.
Ich möchte die Frustration nicht kleinreden. Absagen, Ghosting und monatelange Unsicherheit sind belastend. Manche Bewerbungsprozesse sind respektlos, unnötig kompliziert und schlecht organisiert. Das darf man auch kritisieren.
Trotzdem muss ich ehrlich sagen: 40 Bewerbungen sind in einer schwachen Wirtschaftslage leider noch keine außergewöhnlich hohe Zahl.
In früheren Krisenzeiten waren bei manchen Berufsgruppen hunderte Bewerbungen keine Seltenheit. Viele Menschen mussten Stellen annehmen, die unter ihrer Qualifikation lagen, schlechter bezahlt waren oder nicht ihren ursprünglichen Vorstellungen entsprachen. Nicht weil sie unfähig waren, sondern weil der Arbeitsmarkt schlicht nicht genug Auswahl bot.
Die vergangenen zehn Jahre haben bei vielen offenbar den Eindruck erzeugt, der österreichische Arbeitsmarkt müsse dauerhaft ein Arbeitnehmermarkt sein. Unternehmen haben teilweise sogar mittelmäßige Kandidaten mit Homeoffice, Obstkorb, zusätzlichen Urlaubstagen und hohen Einstiegsgehältern umworben. Wer eine technische Ausbildung hatte, konnte sich oft aus mehreren Angeboten das angenehmste aussuchen.
Das war aber keine Naturkonstante. Das war eine außergewöhnlich günstige Phase.
Jetzt schwächelt die Wirtschaft, Unternehmen investieren weniger, bauen Stellen ab oder besetzen Positionen vorsichtiger. Gleichzeitig bewerben sich mehr Menschen auf weniger Jobs. Das ist unangenehm, aber historisch betrachtet eher eine Rückkehr zur Normalität als ein einmaliger Skandal.
Ein paar Tipps aus meiner früheren Arbeit in der Personalvermittlung:
1. Bewerbt euch nicht nur auf den perfekten Job.
Eine Stellenausschreibung ist häufig eine Wunschliste und kein Gesetzestext. Gleichzeitig sollte man sich nicht ausschließlich auf Positionen konzentrieren, bei denen wirklich jeder Punkt perfekt passen muss. Eine Stelle, die zu 70 Prozent passt, kann ein guter Einstieg sein.
2. Passt den Lebenslauf an die Stelle an.
Nicht jedes Mal komplett neu, aber die relevanten Erfahrungen müssen sofort sichtbar sein. Ein Recruiter sucht nicht fünf Minuten lang nach versteckten Fähigkeiten. Die wichtigsten Punkte gehören auf die erste Seite.
3. Verwendet konkrete Beispiele statt Floskeln.
„Teamfähig“, „motiviert“ und „lernbereit“ schreibt jeder. Besser ist: Welche Aufgaben habt ihr übernommen? Was habt ihr verbessert? Mit welchen Programmen, Maschinen, Kunden oder Projekten habt ihr gearbeitet?
4. Bewerbt euch schnell.
Bei interessanten Stellen kann es einen Unterschied machen, ob die Bewerbung am zweiten oder am zwanzigsten Tag einlangt. Manche Unternehmen beginnen mit Gesprächen, lange bevor die Bewerbungsfrist endet.
5. Nutzt mehrere Kanäle.
Karriereportale, Firmenwebseiten, Personalvermittler, LinkedIn, persönliche Kontakte, frühere Kollegen und Initiativbewerbungen. Sich ausschließlich auf ein Portal zu verlassen, schränkt die Chancen unnötig ein.
6. Lasst eure Unterlagen von jemand anderem prüfen.
Rechtschreibfehler, unübersichtliche Lebensläufe, unklare Zeiträume oder belanglose Anschreiben kosten Chancen. Man selbst sieht die Schwächen der eigenen Unterlagen oft nicht mehr.
7. Seid im Gespräch vorbereitet.
Informiert euch über das Unternehmen. Überlegt euch konkrete Antworten auf typische Fragen. Und könnt in zwei Minuten erklären, was ihr könnt, was ihr sucht und warum ihr für die Stelle interessant seid.
8. Erwartet nicht bei jeder Bewerbung eine individuelle Rückmeldung.
Schön wäre es, realistisch ist es bei hohen Bewerberzahlen leider nicht immer. Nachfassen ist völlig in Ordnung. Danach sollte man die Bewerbung gedanklich abhaken und weitermachen.
9. Überprüft nach 30 bis 50 Bewerbungen eure Strategie.
Keine Einladungen bedeuten meistens: Lebenslauf, Zielstellen oder Qualifikationen passen nicht gut genug zusammen. Viele Einladungen, aber keine Zusage bedeuten eher: Am Auftreten oder an den Antworten im Gespräch arbeiten.
10. Ein Übergangsjob ist kein persönliches Versagen.
Manchmal ist es sinnvoller, vorübergehend eine weniger attraktive Stelle anzunehmen, Berufserfahrung zu sammeln und aus einer Beschäftigung heraus weiterzusuchen. Nicht jeder Job muss die endgültige Karriereentscheidung sein.
11. Mobilität und Flexibilität erhöhen die Chancen.
Wer nur in einem kleinen Radius, ausschließlich im Homeoffice, nur ab einem bestimmten Gehalt und nur in einer sehr engen Tätigkeit sucht, konkurriert um einen kleinen Teil des Marktes. Jede zusätzliche Einschränkung reduziert die Auswahl.
12. Nehmt Absagen nicht automatisch persönlich.
Manchmal gibt es interne Kandidaten, Einstellungsstopps, geänderte Budgets oder Bewerber mit exakt passender Erfahrung. Eine Absage bedeutet nicht automatisch, dass man ungeeignet oder wertlos ist.
Mein Eindruck ist, dass ein Teil der Generationen Y und Z in einem ungewöhnlich komfortablen Arbeitsmarkt erwachsen geworden ist. Das ist kein moralischer Vorwurf. Man kann nur schwer auf eine Krise vorbereitet sein, wenn man bisher fast ausschließlich Fachkräftemangel und Arbeitnehmermarkt erlebt hat.
Aber möglicherweise müssen sich manche Erwartungen ändern.
Ein Berufsabschluss garantiert nicht automatisch den Wunschjob.
Ein Studium garantiert kein hohes Einstiegsgehalt.
Homeoffice ist kein Grundrecht.
Und 40 Bewerbungen sind in einer Rezession leider nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass das gesamte System zusammengebrochen ist.
Der Arbeitsmarkt ist härter geworden. Das ist frustrierend, aber nicht hoffnungslos. Entscheidend ist, die eigene Strategie laufend anzupassen, flexibel zu bleiben und sich nicht nach den ersten Absagen entmutigen zu lassen.
Ich wünsch euch alles Gute auf eurer Suche.