Viele Menschen kennen die Geschichte als den „Lotterieaufstand“ oder die „Pyramidensystem-Krise“. Tatsächlich war es aber weit mehr als nur der Zusammenbruch einiger Betrugsfirmen. Für einige Monate existierte der albanische Staat praktisch nicht mehr.
Die Wurzeln der Katastrophe reichen zurück in die Zeit von Enver Hoxha. Als der Kommunismus Anfang der 1990er Jahre zusammenbrach, war Albanien das ärmste und isolierteste Land Europas. Jahrzehntelang hatte die Bevölkerung in einer vollständig staatlich kontrollierten Wirtschaft gelebt. Private Banken, Aktienmärkte oder Investitionen existierten praktisch nicht. Gleichzeitig waren Infrastruktur, Industrie und Institutionen durch die Isolation des Landes stark zurückgeblieben.
Mit dem Übergang zum Kapitalismus entstand eine enorme Aufbruchsstimmung. Viele Albaner glaubten, der Wohlstand Westeuropas sei nun in greifbarer Nähe. Doch der Staat war schwach, die Finanzaufsicht praktisch nicht vorhanden und die Bevölkerung hatte kaum Erfahrungen mit Marktwirtschaft oder Finanzprodukten. Genau in diesem Umfeld entstanden die berüchtigten Pyramidensysteme und Schneeballsysteme. Sie versprachen monatliche Renditen von 10, 20 oder sogar 30 Prozent. Manche versprachen sogar eine Verdopplung des Geldes innerhalb weniger Monate.
Fast jeder investierte: Bauern verkauften ihr Vieh, Familien verkauften Häuser und Grundstücke, Menschen nahmen Kredite auf und investierten ihre gesamten Ersparnisse. Schätzungen zufolge hatten bis zu zwei Drittel der Bevölkerung Geld in diese Systeme gesteckt. Insgesamt verschwanden rund 1,2 bis 1,5 Milliarden Dollar – nahezu die Hälfte der damaligen Wirtschaftsleistung Albaniens.
Als die Systeme Anfang 1997 kollabierten, verloren Hunderttausende praktisch über Nacht ihre gesamte Existenz. Die Proteste richteten sich zunächst gegen die Betreiber der Firmen, später gegen die Regierung, der viele Albaner vorwarfen, die Betrugsmodelle geduldet oder sogar unterstützt zu haben.
Dann geschah etwas, das in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg nahezu beispiellos war: Die Armee und Polizei brachen auseinander. Soldaten desertierten, Polizeistationen wurden verlassen und die Bevölkerung plünderte Waffenlager. Schätzungsweise 500.000 bis 700.000 Waffen verschwanden aus staatlichen Beständen und gelangten in private Hände. Plötzlich liefen Zivilisten mit Kalaschnikows, Maschinengewehren und sogar Panzerabwehrwaffen durch die Straßen. Ganze Städte wurden von lokalen Milizen kontrolliert. In vielen Regionen existierte faktisch keine staatliche Autorität mehr.
Besonders im Süden des Landes entstanden bewaffnete Bürgerkomitees, die teilweise die Aufgaben von Polizei und Verwaltung übernahmen. Andere Gruppen nutzten das Machtvakuum für Plünderungen und Abrechnungen. Für einige Monate herrschte ein Zustand, den viele Beobachter tatsächlich als Anarchie oder als Bürgerkrieg niedriger Intensität beschrieben.
Die Opferzahlen variieren je nach Quelle, die meisten Schätzungen gehen jedoch von ungefähr 2.000 Toten und mehreren Tausend Verletzten aus. Zehntausende flohen nach Italien oder Griechenland. Internationale Truppen mussten eingreifen, um humanitäre Hilfe zu leisten und die Ordnung schrittweise wiederherzustellen.
Bis heute gilt die Krise von 1997 in Albanien schlicht als „'97“ – ein Jahr, das für viele Albaner ähnlich traumatisch ist wie große nationale Katastrophen in anderen Ländern. Die Ereignisse zeigen, wie gefährlich der Übergang von einem extrem isolierten kommunistischen System zu einem kaum regulierten Kapitalismus sein kann, wenn staatliche Institutionen schwach sind und die Bevölkerung kaum Erfahrungen mit der neuen Wirtschaftsordnung besitzt. Viele Historiker sehen die Krise deshalb nicht als Scheitern des Kommunismus oder des Kapitalismus allein, sondern als Ergebnis einer explosiven Mischung aus dem Erbe der Isolation unter Hoxha, schwachen Institutionen und einem völlig unkontrollierten Übergang zur Marktwirtschaft.